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Wir brauchen ein alternatives Geldsystem, wenn wir die Herausforderungen unserer Zeit meistern wollen. Umweltzerstörung, Demokratieverlust, extreme soziale Ungleichgewichte sind unter anderem schädliche Wirkungen des bestehenden Geldsystems. Eine bessere Alternative existiert, doch sie ist noch zu wenig bekannt, Fließendes Geld.

Veränderungen im Geldsystem sind wegen gegebener Machtstrukturen nur erzielbar, wenn breite Bevölkerungsschichten dem Wandel zustimmen und ihn unterstützen. Dazu muss der seit Jahrzehnten stattfindende Erkenntnisprozess deutlich an Fahrt gewinnen. Die „Neues Geld gemeinnützige GmbH“ unterstützt diesen Prozess mit ihrer Aufklärungsarbeit seit einigen Jahren.

Geld greift mit hoher Intensität in so gut wie alle Bereiche unseres Lebens ein. Neuerungen beim Geld bringen deshalb hervorragende Potentiale für fast alle Gebiete, wie dem Schutz der Natur, der Verbesserung demokratischer Strukturen oder dem Frieden.

Ziel muss sein, dass der Mensch nicht dem Geld, sondern das Geld dem Menschen dient.



 

Griechenland mit fließendem Geld sanieren und den Euro als fließendes Geld retten?

Post 29. September 2011 By In 2011
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Alle – auch die, die Santorini, Kreta oder Rhodos in traumhafter Erinnerung haben – reden über Griechenland. Auch wer nicht darüber redet sorgt sich: Wie machen wir es richtig?

Ich habe den Göttervater Zeus befragt: Pandora, die erste Frau nach der griechischen Mythologie, ist von berauschender Schönheit und holdseligem Liebreiz. Zeus hat ihr einen großen, irdenen Vorratskrug für Wein, Öl und Getreide gegeben. Diesen „píthos“ (πίθος, lateinisch: dōlium) hat Erasmus von Rotterdam in seiner Übersetzung ins Lateinische wohl versehentlich in eine „pyxís“ (πυξίς, lateinisch: vāsculum) – eine „Büchse“ verwandelt. Seitdem reden wir von der Büchse der Pandora – aber es war ein Krug. Pandora soll den Menschen diesen Krug mit der Auflage schenken, ihn unter keinen Umständen zu öffnen. Aber wie das so ist mit unserer Neugier: Noch bevor Pandora zur verführenden Eva des Alten Testaments wird, öffnen die Menschen den Krug und alle Plagen kommen über die Welt.


In unseren Tagen lassen die Untertanen von Despoten ihr Kerkerdasein nicht mehr bieten und auch die Bürger von vermeintlich demokratischen Staaten rebellieren gegen Fremdbestimmung. Macht zerbröckelt allenthalben. Täuschungen und Lügen fliegen auf, Geheimnisse werden enttarnt. Immer mehr Menschen schauen hinter die Kulissen. Dieser Prozess, der sich weltweit anbahnt, wird sehr bald schon das in den Schatten stellen, was wir 1989 mit dem Fall der Mauer erlebt haben.

Ich möchte Ihnen meiner Sicht einige Zusammenhänge zu drei Fragen darlegen:

  1. Welche Plage aus Pandoras Krug hat unsere Finanz- und Wirtschaftsordnung verseucht?
  2. Was können wir tun, um die Plage dieser falschen Lehre wieder in Pandoras Krug zu versenken?
  3. Wie kann eine Ordnung ohne diese Plagen aussehen – eine Ordnung, die dem Leben dient?


Jede dieser Abhandlungen ist ein Kapitel einer zusammenhängenden Argumentationskette, die Sie alle auf dieser Website finden. Am Schluss gibt es dann noch ein Fazit.

 


Griechenland mit fließendem Geld sanieren
den Euro als fließendes Geld retten
– Teil 1: Welche Plage aus Pandoras Krug hat unsere Finanz- und Wirtschaftsordnung verseucht? –


Von Wolfgang Berger, www.lust-auf-neues-geld.de , 29.09.2011

 

Seit drei Jahren erleben wir, dass die Gewinne der Banken Privatsache sind und z. B. John Paulson ein persönliches Jahreseinkommen von fünf Milliarden Dollar ermöglichen – kalendertäglich das Jahreseinkommen von Josef Ackermann, dem Chef der Deutschen Bank. Die Zahl der Milliardäre weltweit hat sich im letzten Jahrzehnt von 200 auf 1.000 verfünffacht. Für Verluste und Nebenwirkungen aber haften wir alle, weil die Staaten dafür aufkommen müssen. Im letzten Jahrzehnt sind die Nettoarbeitseinkommen in Deutschland gesunken. Die Arbeitsnehmer in den Vereinigten Staaten haben schon seit dreißig Jahren keine Erhöhung ihres Realeinkommens mehr bekommen.

Das ist kein Zufall und keine naturgesetzliche Notwendigkeit, sondern die logische Folge der unser Zeitalter beherrschenden Ideologie. Für die ist vor allem ein inzwischen verstorbener Nobelpreisträger verantwortlich. In seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises für Ökonomie sprach Milton Friedman 1976 davon, dass seine Disziplin eine präzise Wissenschaft sei – genauso wie die Naturwissenschaften – und dass die Schlüsse dieser reinen Lehre, die er pure economics nannte sich mit gleicher mathematischer Präzision aus einer Zielfunktion ableiten ließen.

Es gebe einen stabilen und komfortablen Zustand – ein „makroökonomisches Gleichgewicht“ – wenn eine gegebene Verteilung nicht geändert werden kann, ohne dass einer der Beteiligten schlechter gestellt werde. Und dieses Gleichgewicht sei das „soziale Optimum“.

Die von Friedman maßgeblich mitgeprägte neoklassische Wirtschaftstheorie weist mit Hilfe eines anspruchsvollen mathematischen Apparats nach, dass eine optimale Zuteilung verfügbarer Produktionsfaktoren dieses Allgemeine Gleichgewicht bewirkt und dass die Optimierung voraussetzt, dass drei wirtschaftspolitische Stoßrichtungen gleichzeitig konsequent verfolgt werden:

a Privatisierung:
Nur private Eigentümer wirtschaften gut und erschaffen Wohlstand.
Daraus folgt der Auftrag an die Politik „ Kapitalismus pur“.

bDeregulierung:
Nur unkontrollierte Märkte gleichen Angebot und Nachfrage aus.
Daraus folgt der Auftrag an die Politik „Marktwirtschaft pur“.

cRückbau des Staates:
Nur Eigenverantwortung und Eigeninitiative bringen Fortschritt.
Daraus folgt der Auftrag an die Politik „Wettbewerb pur“.


Nach Friedmans Lehre erfüllt der Unternehmer seine soziale Verantwortung, indem er Gewinn erzielt. Je höher sein Gewinn, desto größer sein Beitrag zum „sozialen Optimum“. Wer sein Eigeninteresse konsequent verfolgt, nütze damit automatisch auch der Allgemeinheit am meisten.

Und wenn etwas nicht so ist, wie es sein sollte – z.B. Konjunkturkrisen, Arbeitslosigkeit, Wachstumsschwäche, Inflation – dann nur deshalb, weil noch nicht alles Kapital in privaten Händen ist, weil der Markt noch nicht wirklich frei ist oder weil sich noch immer Leute in „staatlichen Hängematten“ sonnen.

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wurde dieses Credo der Ökonomen mit „Freiheit“ gleichgesetzt und weltweit an 90 % der Universitäten gelehrt. Die ökonomische Fakultät der Universität in Chicago, an der Friedman lehrte, ist zum Wallfahrtsort für Studenten der Volkswirtschaftslehre aus allen Kontinenten geworden.

Friedmans Schüler sitzen auf den höchst dotierten Lehrstühlen, sind Minister und Berater von Regierungen in aller Welt, Führungskräfte bei der Weltbank und beim Internationalen Währungsfonds. Er selbst beeindruckte und beriet viele Präsidenten und Regierungschefs – unter ihnen Ronald Reagan, Margaret Thatcher und Augusto José Ramón Pinochet.

Ziel seines Kreuzzugs für den freien Markt war es, weltweit Druck für Reformen zu schaffen („create irresistible pressure for change“), um vollständige Privatisierung und radikale Deregulierung durchzusetzen, und um staatliche Funktionen wenigstens so weit zurückzubauen, dass keinerlei Sozialpolitik mehr betrieben werden kann. Mit einer Fülle brillanter wissenschaftlicher Fachveröffentlichungen untermauerte er seine Forderungen.

Und so geschah es:
Ein Kapitalismus pur hat weltweit Staatseigentum privatisiert.
Eine Marktwirtschaft pur hat die Grenzen für Importe geöffnet und ist dabei, einheimische Arbeitseinkommen auf „Weltlohnniveau“ zu drücken.
Ein Wettbewerb pur hat den Staat kastriert, der immer weniger eingreifen und sozialen Ausgleich schaffen kann.

Herrschende Ideen wirken sich immer sehr konkret aus:

Die Physiokraten sahen im Boden den einzigen produktiven Faktor und ordnen ihm den gesamten Ertrag zu. Adel und Geistlichkeit waren zufrieden, die Leibeigenschaft war nicht nur rechtens, sondern auch „wissenschaftlich“ als richtig bestätigt.

Die Marxisten sahen in der Arbeit den einzigen produktiven Faktor, ordnen ihr den gesamten Ertrag zu und enteignen die Besitzenden. Die kommunistischen Funktionäre oder Arbeiterführer waren zufrieden, konnten sie doch nun mit „wissenschaftlichem“ Segen den Ertrag zuteilen.

Die Neoliberalen sahen im Kapital den entscheidenden produktiven Faktor. Und weil es knapp ist, müssen freie Finanzmärkte es dahin lenken, wo es den größten Nutzen
stiftet. Das setzt weltweit nicht regulierte Kapitalbewegungen ohne jede Einschränkung voraus. Für Kapital und Investitionen darf es keine Grenzen geben. Dass die Grenzen für die Opfer – die Menschen – dann geschlossen werden müssen, ist evolutionäre Auslese.

Vor zehn Jahren haben die deutschen Großbanken der damaligen rot-grünen Bundesregierung gedroht, ihre Zentralen nach London zu verlegen, wenn der Finanzmarkt nicht auch hier liberalisiert werde. Die Regierung hat dem Druck nachgegeben. Wir können uns in diese Zeit zurückversetzen und uns ausmalen, was geschehen wäre, wenn die Regierung dem Druck widerstanden hätte und die Banken ausgewandert wären. Die Medien hätten zum Sturm auf Berlin geblasen, die Regierung wäre darüber gestürzt und die Entscheidung revidiert worden.

Nach der 2008er Krise plant die schweizerische Regierung jetzt in 2011 eine schärfere Regulierung des Finanzmarkts. Nach dem Vorbild der großen deutschen Banken damals hat auch die größte Bank der Schweiz UBS damit gedroht nach London auszuwandern, sollten die Pläne der Regierung umgesetzt werden.

Seit dem Wegfall der Kapitalverkehrskontrollen hat das Kapital die Möglichkeit zur Flucht – oder auch zur Erpressung, wenn ein Staat sich weigert, seine Forderungen zu erfüllen. Seitdem erobert die Finanz-„industrie“ ganze Nationen und die Finanzmärkte beherrschen die Welt. Unsere reale Industrie entwickelt und produziert technischen Fortschritt. Die Finanz-„industrie“ aber entwickelt oder produziert nichts, was irgendjemandem das Leben erleichtert. Im Gegenteil: sie vernichtet Arbeitsplätze, Ersparnisse, Altersversorgungen, Ausbildungshoffnungen, Lebenschancen, ja Leben und vermehrt Not, Verzweiflung und Hunger auf der Welt.

Der weltweite Handel mit seltsamen, für die Realwirtschaft nutzlosen Wertpapieren hat inzwischen ein Volumen von mehr als 600.000 Milliarden Dollar im Jahr erreicht – das Zehnfache des Bruttoinlandsproduktes der ganzen Erde.

Solange die Regeln dieses Spiels bleiben wie sie sind, sind die Finanzinstitutionen, die diese Papiere herausgeben und mit ihnen handeln, allmächtig: sie können die Welt jederzeit in den Abgrund zu stürzen – oder zumindest damit drohen und so erzwingen, was immer ihnen in den Sinn kommt.

Im Sommer 2007 war auf den Finanzmärkten zu spüren, dass die bisherigen Geschäftsmodelle gegen die Wand fahren. Da hat das Bankhaus Goldman Sachs Agrarrohstoffe als Spekulationsobjekt eingeführt und damit seit 2008 eine Preisexplosion bei Nahrungsmitteln ausgelöst. Der Reispreis hat sich verdreifacht, der Weizenpreis verfünffacht – ausgerechnet in 2008, dem Jahr mit der besten Weizenernte in der Menschheitsgeschichte.

Wer von zwei Dollar pro Tag leben muss, gibt 60 bis 80 Prozent seines Ein¬kommens für Nahrungsmittel aus¬. Solche Preisstei¬gerungen sind für viele ein Todesurteil. Jean Ziegler spricht von „stillem Massen¬mord“. Wenn Weizen eher Waffe als Ware ist, erscheint es zufällig, wenn nach vielen komplizierten Geschäf¬ten am Schluss noch etwas Essbares übrig bleibt.

In jeder Stunde fordert unser globales Finanzsystem etwa 1.500 Menschenopfer – Hungertote! Das ist entpersonalisierte Kriegsführung: Der Techniker, der Drohnen auf den Weg schickt oder der Pilot, der aus 15.000 m Höhe Bomben abwirft, muss die Zerstörung, die er auslöst, nicht sehen. Der Fondsmanager, der durch feindliche Übernahmen solide Unternehmen zerschlägt (Hochtief ist das letzte große Beispiel in Deutschland), gewachsene Kunden- und Lieferantenbeziehungen kappt und die Existenzgrundlage von Tausenden von Menschen zerstört, sieht das Elend, das er auslöst, auch nicht.

Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein hat von sich gesagt: „Ich bin ein Banker, der Gottes Werk verrichtet“. Für 40 Milliarden Dollar hat er nicht werthaltige Hypothekenpapiere verkauft – vornehmlich an die größte Versicherungsgesellschaft der Welt AIG – sich gleichzeitig gegen die Insolvenz der AIG versichert und auf den Zusammenbruch des Hypothekenmarktes gewettet. Als Kongressabgeordnete ihm das in einer Anhörung als verbrecherisch vorgehalten haben, meinte er bloß: „Im Zusammenhang mit Marketingoptimierung ist das kein Verbrechen.“ Und sein Kollege von der Citibank sekundierte mit: „Wir müssen tanzen, solange die Musik spielt“.

Handel mit Finanzprodukten bringt mehr ein als Beratung. Die Huffington Post in Norfolk, Virginia, berichtet von einem konkreten Beispiel dieser „Filiale Gottes“: Somalische Piraten haben gezielt Schiffe attackiert, die Goldman Sachs bereits „shorted“ (auf deren Verlust gewettet) hatte und sind dafür mit Goldmünzen vergütet worden.

Die Wirklichkeit unseres Gemeinwesens hat sich von dem, was wir unter Demokratie verstehen weit entfernt. Unsere Parlamente schreiben Blankoschecks für die Brüsseler Gesellschaft grauer Herren und unsere Regenten sehen das Volk als den „großen Lümmel“, wie Heinrich Heine es ausgedrückt hat.

Die Wirklichkeit hat sich auch vom Modellglauben der Ökonomen weit entfernt. Als einer der Wirtschaftsnobelpreisträger in den letzten Jahren einmal gefragt worden ist, warum die Modelle der Ökonomen offensichtlich falsch seien, hat er geantwortet: Die Modelle sind richtig, die Wirklichkeit ist falsch.


Griechenland mit fließendem Geld sanieren
den Euro als fließendes Geld retten
– Teil 2: Was können wir tun, um die Plage, die das veruracht, wieder in Pandoras Krug zu versenken? –


Von Wolfgang Berger, www.lust-auf-neues-geld.de , 29.09.2011

 

Wenn eine Maschine nicht funktioniert, verbessern Ingenieure ihre Konstruktion. Wenn unsere Geld- und Finanzordnung Ergebnisse produziert, die uns nicht gefallen, läge es nahe, dass die Ökonomen sie neu konstruieren.

Nun hat Max Planck aber schon darauf hingewiesen, dass eine neue wissenschaftliche Erkenntnis sich nicht durchsetzt, weil die Vertreter der veralteten Lehrmeinung überzeugt werden, sondern erst nachdem sie ausgestorben sind. Vielleicht lesen ja auch Nichtökonomen diesen Text und denen möchte ich ein Geheimnis verraten, das kein prominenter Vertreter meines Faches kennt:

Der Nobelpreisträger George Joseph Stigler, der Ökonom Steve Keen und der Mathematiker Jürgen Kremer haben nachgewiesen, dass die neoklassischen Schlüsse der „reinen Lehre“, die Ich in Teil 1 beschrieben habe, auf einem mathematischen Ableitungsfehler beruhen. Die Lehrbücher der Mikroökonomik lehren, dass vollständiger Wettbewerb zu maximaler Wohlfahrt führt, dass die optimalen Produktionsmengen diejenigen sind, bei denen „Grenzkosten = Marktpreise“ sind.

Diese Lehrbuchweisheit ist falsch. Wettbewerb pur maximiert den Wohlstand nicht. Nach der Korrektur des mathematischen Ableitungsfehlers kehren sich die Aussagen der Theorie in ihr Gegenteil um. Damit bleibt von der neoliberalen Theorie nichts von Substanz übrig. Mathematikstudenten lernen das.

Die volkswirtschaftlichen Lehrbücher aber nehmen diesen Fehler einfach nicht zur Kenntnis. Würden sie es tun, müssten fast alle Wirtschaftspolitikberater auf der Welt ihre Jobs kündigen. Sie würden wohl nicht mehr auf dem Scheiterhaufen verbrannt wie Giordano Bruno. Vielleicht aber müssten sie vor der Inquisition widerrufen wie Galileo Galilei, damit die Machtverhältnisse bleiben können, wie sie sind.

Ein Spezialzweig der Philosophie ist die Wissenschaftstheorie, die sich mit den Gesetzen und Regeln bei der Produktion von Wissen beschäftigt. Ein bedeutender Wissenschaftstheoretiker des letzten Jahrhunderts war Thomas Kuhn. Er hat mit den Instrumenten der formalen Logik nachgewiesen, dass jede Wissenschaft auf Paradigmen aufbaut – auf Grundüberzeugungen, die derjenige, der die Wissenschaft betreiben will, erst einmal glauben muss.

Das Paradigma der Ökonomen, das sie den Politikern der ganzen Welt einflüstern, ist eingängig: T.I.N.A. – There is No Alternative (es gibt keine Alternative). Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus denkt kaum jemand über Alternativen zu unserer Geld- und Finanzordnung nach.

Nun hat es aber vor der Zeit des Kommunismus Alternativen gegeben, welche die Zunftvertreter der Ökonomie ausblenden oder nur noch für dogmengeschichtlich interessant halten. Viele Beispiele weisen uns auf deren Relevanz auch für uns heute hin.

So verfügte die Hanse zu Lübeck im Jahre 1417: „Niemand soll Hering verkaufen, ehe er gefangen, Korn, ehe es gewachsen, Gewand, ehe es gemacht.“ Und die Amsterdamer Börse hat mit einem „Plakat“ (= Dekret) vom 26. Februar 1610 verboten, Aktien zu verkaufen, die gar nicht im eigene Besitz sind. Das Verbot ist schon damals umgangen worden.

1949 verkaufte Alfred Winslow Jones Aktien, die er noch gar nicht hatte. Es ist der erste überlieferte „Leerverkauf“ in der Neuzeit. Das Spiel wird perfektioniert und erlaubt es sowohl bei fallenden als auch bei steigenden Kursen Gewinne zu realisieren.

Fonds, die sich auf solche spekulativen Geschäfte spezialisieren, nennen sich „Hedge Funds“. Der Begriff ist mit Bedacht gewählt und nimmt Bezug auf das Privatisierungsgebot der neoliberalen Doktrin:

In früheren Jahrhunderten werden Grund und Boden, Gewässer und Bodenschätze, Heiden und Moore, Wald und Wege al(ge)meinde – Allmende – von allen Gemeindemitgliedern gemeinschaftlich genutzt. Eine erste Welle der Privatisierung hat Europa vor einem halben Jahrtausend überrollt. Weltliche und kirchliche Herrscher eignen sich die Allmende an und markieren ihren Besitzanspruch mit Hecken (Hedges). Die schreckliche Not und Verelendung der Opfer hat zu den Bauernkriegen geführt.

Die Verhältnisse haben sich nur wenig geändert. Nach einem Bericht der englischen Zeitung The Guardian hat Futures Trader Ann Berg aus London vor kurzem gemeint: „Was für einen Armen das tägliche Brot, ist für einen Reichen eine verbriefte Geldanlage“. Wie funktionieren solche Anlagen?

In der Schule haben wir gelernt, was eine Exponentialfunktion ist, und trotzdem sehen die meisten nicht, was das praktisch bedeutet: Die Verdoppelung in einem bestimmten Zeitraum, dessen Dauer von der Höhe des Zinses abhängt. Damit Sie es sich vorstellen können:

Wenn Sie ein Blatt Ihrer heutigen Zeitung falten, haben Sie zwei Lagen. Mit jedem weiteren Faltvorgang verdoppelt sich die Zahl der Papierlagen: nach zwei Mal sind es vier, nach sechs Mal 64, nach zehn Mal 1.024, nach 42 Mal entspricht das schon der Entfernung von der Erde zum Mond. Statt Ihre Zeitung zu falten, können Sie auch jedes Mal den Stapel der 500-Euro-Scheine verdoppeln. Auch dann reicht der Stapel bis zum Mond. Das ist die eine Seite der Medaille.

Und nun zur anderen Seite: Die sich exponentiell erhöhenden Geldvermögen werden verzinst. Sie können aber nur verzinst werden, wenn es Schuldner gibt, die die Zinsen zahlen. Das ist der umgekehrte Stapel von 500-Euro-Schuldscheinen, die in ein Erdloch gepackt werden müssten, das den Planeten durchbohrt.

Die exponentiell steigende Verschuldung von irgendjemandem ist systembedingt notwendig. Wenn Privatleute oder Unternehmen das nicht übernehmen wollen oder können, müssen es die öffentlichen Haushalte tun. Sollten die sich weigern, bricht das System zusammen. Nur wenige sind sich darüber im Klaren: Eine sich exponentiell wachsende Verschuldung ist für den Bestand unseres Geld- und Finanzsystems notwendig.

Als Bill Clinton den Bundeshaushalt der Vereinigten Staaten ausgeglichen hatte, hat der damalige Notenbankchef Alan Greenspan ihn dafür heftig kritisiert. Er hat zu bedenken gegeben, dass die großen Fonds nicht mehr wüssten, wo sie ihr Geld anlegen sollten, wenn der Staat sich nicht mehr verschuldet. Von Alan Greenspan abgesehen sehen nur wenige diesen einfachen Zusammenhang.

John Perkins belegt es konkret mit Namen und Jahreszahlen: Staats- oder Regierungschefs, die sich dem Erfordernis des globalisierten Finanzkapitals widersetzen, die sich weigern, ihre Länder zu verschulden, kommen in Flugzeugabstürzen ums Leben, deren Ursache nie aufgeklärt wird. Manchmal fallen auch Bomben.

In jeder reifen Volkswirtschaft übersteigt das Angebot die Nachfrage. Jede Ausweitung der Produktion verschärft die Situation. Die Welt schwimmt in Kapital, es herrscht Anlagenotstand, die großen Vermögen verlangen nach rentabler Verwertung.

Wenn auch Staatshaushalte zur Aufnahme weiterer Schulden nicht mehr zur Verfügung stehen, ermöglichen bei gesättigten Märkten allein Rüstungsgüter ein weiteres Wachstum. Kriege vergrößern das Warenangebot auf zivilen volkswirtschaftlichen Märkten nicht, sie führen nicht zur Bedarfsdeckung und drücken somit nicht die Zinsen. Eine reduzierte Produktion ziviler Güter befriedigt den Bedarf an Konsum- und Investitionsgütern nur unzurei-chend und dieser Mangel erhält die Rentabilität des Kapitals.

Die Kundenzeitschrift „Sparkasse“ des deutschen Sparkassenverbandes weist im Jahre 1891 auf diesen Zusammenhang hin: „Die Ursache für das Sinken des Zinsfußes wird vorzüglich darin gefunden, dass die besonders rentablen Capitalanlagen großen Maßstabes heute er-schöpft sind und nur Unternehmungen von geringer Ergiebigkeit übrig bleiben… Nur ein allgemeiner europäischer Krieg könnte dieser Entwicklung Halt gebieten durch die ungeheure Capitalzerstörung, welche er bedeutet“.

Das deutsche Bruttoinlandsprodukt ist seit 1950 stetig in absolut etwa gleicher Höhe – also linear – gewachsen. Das bedeutet, dass in einer reifen Volkswirtschaft die Wachstumsrate abnimmt. 15 von 100 sind 15 Prozent, fünfzig Jahre später sind 15 von 1.000 dann aber nur noch 1,5 Prozent.

Solange die Wachstumsrate über dem Zinssatz lag, konnte das darüber hinaus erwirtschaftete Bruttoinlandsprodukt zwischen den Tarifparteien verteilt werden. Sobald der Zuwachs aber unter dem Zinssatz liegt, muss der Fehlbetrag Arbeitnehmern und Arbeitgebern – also denen, die ihn erarbeiten – weggenommen werden. Deshalb musste der Anteil der Arbeitseinkommen am Bruttoinlandsprodukt trotz eines stetigen Wachstums im letzten Jahrzehnt um 10 Prozent fallen.

Viele träumen von einer stabilen Welt. Die aber kann es im gegenwärtigen System nicht geben. Ein System stellt sich nicht selbst in Frage, es erzwingt eher den Tod von Menschen und den Zusammenbruch von Staaten. Von 1970 bis 2005 ist die Weltproduktion realer Güter und Dienstleistungen um das Vierfache gewachsen, das Weltfinanzvermögen aber hat sich um das Zwölffache vergrößert. Der Finanzsektor verschlingt quasi die gesamte reale, Werte erschaffende Wirtschaft.

Führer ohne Kreativität schaffen immer wieder tote Institutionen, die das System erhalten. Aber jetzt ist etwas anders. Die Welt, in der wir leben, wird gerade komplett umgekrempelt. Nichts bleibt, wie es war, kein Stein bleibt auf dem anderen. Darin steckt eine große Chance für jeden, der sich persönlich in Resonanz mit den globalen Veränderungen entwickelt und sich durch sie tragen lässt.

Wir können diese Plagen, die unsere Geld- und Finanzordnung uns aufbürdet nur dann im Krug der Pandora versenken, wenn wir unser System umbauen. Tun wir das nicht, entsteht ein revolutionäres gesellschaftliches Gebräu. Einen Vorgeschmack darauf haben wir in England, Griechenland und Spanien schon bekommen. Revolutionen haben aber die Situation nie verbessert. Ein Umbau ist für alle angenehmer – vor allem auch für diejenigen, die sich am meisten dagegen wehren.


Griechenland mit fließendem Geld sanieren
den Euro als fließendes Geld retten
– Teil 3: Wie sieht eine Ordnung ohne diese Plagen aus, eine Ordnung, die dem Leben dient? –


Von Wolfgang Berger, www.lust-auf-neues-geld.de , 29.09.2011

 

In der kaufmännischen Buchhaltung kennen wir das Instrument der Abschreibung. Nach etwa 15 Jahren müssen wir die meisten unserer Anlagen, unseres materiellen Besitzes erneuern, weil die Vergänglichkeit einen Teil davon aufgezehrt hat: er ist veraltet, verrostet, reparaturanfällig, renovierungsbedürftig, technisch überholt, unmodern. Die Abschreibung verteilt den Werteverzehr über die Zeit, wird in die Preise einkalkuliert und bereitet so die Finanzierung von Ersatzinvestitionen vor.


Der Eigner von Finanzmitteln behält dieses „meiste“ unseres materiellen Besitzes in ungeschmälerter Höhe und bekommt zusätzlich noch einen Kapitalertrag – Dividende auf Eigenkapital, Zinsen auf Fremdkapital. Damit entfernt er sich in doppelter Geschwindigkeit von den Unternehmern und Arbeitnehmern, die diese Werte mit ihrer Arbeit erschaffen.

Im heutigen System ist der Zins absolut notwendig. Wenn er niedrig ist, brauchen wir außerdem noch Inflation, um die gewünschte Umlaufgeschwindigkeit des Geldes zu bekommen. Praktisch alle Notenbanken der Welt produzieren absichtlich Inflation. Zins und Inflation machen das Risiko, das mit jeder Anlage von Geldvermögen verbunden ist, zumutbar, denn wir haben gesehen: auch Banken können insolvent werden. Der Zins ist Systembestandteil und er hat Nebenwirkungen, die deshalb auch Systembestandteil sind – schreckliche Nebenwirkungen.

Alte Sprichwörter sagen uns, worauf es ankommt: „Der Rubel muss rollen“ oder „Taler, Taler, du musst wandern, von der einen Hand zur andern“. Geld erfüllt seine Funktion nur, wenn es reibungslos umläuft – also fließt – und in dem Maße vermehrt wird, in dem auch die reale Wirtschaft wächst: linear, nicht exponentiell.

Geld schafft Wohlstand, sobald es zinsfrei fließt. Es ist bemerkenswert, dass alle Religionen den Zins verbieten. Während die Römische Kirche das Tötungsverbot recht flexibel ausgelegt hat, war sie beim Zinsverbot bis in die 80er Jahre unerbittlich. Aber ich bin zu sehr Ökonom, um an Verbote zu glauben. Es gibt eine wirksamere Methode:

Die Zentralbank kann die Rahmenbedingungen für die Geschäftsbanken neu festlegen und von Girokonten monatlich Gebühr von z. B. einem halben Prozent abbuchen lassen. Bei Terminanlagen kann sich der Satz auf bis zu einem viertel Prozent reduzieren und bei langfristigen Investitionen ganz entfallen.

Bargeld gibt es entweder nur in Form von Geldkarten und mit dem Mobiltelefon können wir im Online Banking Gutschriften entgegennehmen. Oder aber in die Geldscheine werden Chips eingebaut, die die monatlich fällige Gebühr jedes Mal anzeigen, wenn der Schein im Prüfgerät der Bank oder des Einzelhändlers auf seine Gültigkeit überprüft wird. Dann muss die Gebühr bezahlt werden und das Gerät aktualisiert den Schein. Oder aber bestimmte Geldscheine werden nach dem Zufallsprinzip zu bestimmten Stichtagen für ungültig erklärt.

Wenn auf dem Finanzmarkt noch ein Zins gezahlt wird, erhöht die Zentralbank die Gebühr geringfügig, bis der Marktzins Null ist. Wird der Marktzins negativ, reduziert die Zentralbank die Gebühr, bis der Zins wieder Null wird. In Verbindung mit dieser Feinsteuerung kann die Zentralbank den Geldwert durch die Steuerung der Geldmenge stabil – die Inflation also auf exakt Null – halten.

Geldwertstabilität macht finanzielle Dispositionen langfristig berechenbar und bietet Sicherheit für Vorsorgemaßnahmen aller Art. Unternehmen können sich – gegen Sicherheiten wie heute – zinslos Kredite beschaffen und das löst einen beispiellosen Investitionsschub aus. Die öffentlichen Haushalte vermeiden langfristig den heute zweithöchsten Budgetposten – den Schuldendienst – und können in Infrastruktur investieren.

Die großartigste Konsequenz dieses fließenden Geldes aber ist, dass unsere Arbeitseinkommen erheblich anwachsen: Jedes Produkt, das wir kaufen, hat viele Verarbeitungsstufen in der Wertschöpfungskette hinter sich. In jeder dieser Stufen sind Investitionen erforderlich, die finanziert werden müssen und immer gehen diese Investitionen mit ihren Zinsen in die Kalkulation und damit in den Preis ein.

Wenn wir die Zinsanteile in der Kalkulation aus allen Wertschöpfungsstufen zusammenzählen, erhalten wir den Zinsanteil im Endprodukt. Im Durchschnitt aller Endpreise kommen wir dabei auf ungefähr vierzig Prozent. Bei Getränken ist es weniger (etwa dreißig Prozent), bei Mieten und Immobilienkäufen mehr (fünfundsiebzig bis achtzig Prozent).

Wenn wir zusätzlich berücksichtigen, dass der Schuldendienst der zweithöchste Posten im Bundeshaushalt und der höchste in den meisten Kommunal- und Länderhaushalten ist (und also auch in unserer Steuerlast), kommen wir mit der Mehrwertsteuer auf einen durchschnittlichen Zinsanteil in den Preisen in Höhe von ungefähr fünfzig Prozent. Auch wer schuldenfrei ist, zahlt also ungefähr die Hälfte von jedem ausgegebenen Euro für Zinsen. Nach einer Übergangszeit finanzieren Unternehmen ihre Investitionen zinsfrei und der Staat nimmt – wenn er es noch will – bei seinen Bürgern zinsfrei Kredite auf.

Ein großer Teil der Anpassung an die neuen Rahmenbedingungen wird wohl über höhere Löhne und Gehälter erfolgen. Das bedeutet, dass die Umverteilung von unten nach oben über die Zinsanteile in den Preisen beendet ist und die arbeitende Bevölkerung zum heutigen Preisniveau die doppelte Kaufkraft hat.

Viele sind mit ihrem heutigen Lebensstandard zufrieden, wenn er durch langfristig stabile Verhältnisse abgesichert ist. Sie brauchen nicht die doppelte Kaufkraft und arbeiten lieber nur halb so lang. Wenn die Zahl derer so groß ist wie die Zahl der Arbeitslosen, ist das Problem unfreiwilliger Arbeitslosigkeit und auch prekärer Beschäftigungsverhältnisse statistisch gelöst.

Viele, die mit ihrem heutigen Lebensstandard zufrieden sind, werden dann nur noch halbtags arbeiten wollen. Das Angebot an Arbeitsleistung sinkt, so dass die Unternehmen ihre Mitarbeiter besser bezahlen müssen, um sie zu halten. Einkommen aus leistungsloser Vermögensvermehrung gibt es nicht mehr. Reichtum kann nur noch durch Arbeit erschaffen werden, Geld vermehrt sich nicht mehr „von selbst“ – und das heißt ja schließlich: durch die Arbeit von anderen.

Jetzt noch zahlt jemand, der monatlich 3.000 Euro netto verdient und ausgibt, davon ungefähr 1.500 Euro Zinsen. Wenn er auf frühere Ersparnisse monatlich 1.500 Euro Zinsen kassiert, ist noch immer nichts gewonnen, und um monatlich 1.500 Euro (im Jahr 18.000 Euro) Zinsen zu bekommen, müssen Sie zum gegenwärtigen Ausgabesatz von deutschen Bundesschatzbriefen etwa eine Million Euro angelegt haben.

Nur sehr wenige haben so hohe Ersparnisse. Die Verlierer unseres heutigen Systems machen weit mehr als 90 Prozent der Bevölkerung aus und von ihnen (also von „unten“) gibt es eine ständige Umverteilung nach „oben“ – zu den wenigen Gewinnern, deren Zinseinkünfte die Zinsausgaben deutlich übersteigen.

Alle, deren Zinseinkünfte niedriger sind als die Arbeitseinkommen, verlieren. Nur die kleine Minderheit, die mehr durch Zinsen einnimmt als sie durch Arbeit verdient, gehört zu den Gewinnern. Der zunehmende Reichtum dieser wenigen wird von der großen Mehrheit erarbeitet, die dafür in Deutschland seit zehn Jahren netto einen immer geringeren Anteil am Bruttoinlandsprodukt erhält. Aber diese große Mehrheit weht sich nicht gegen diese Ungerechtigkeit und das aus einem einfachen Grunde: Sie weiß es nicht und versteht das System nicht.

Im frühen Mitteleuropa, etwa von 1150 bis 1450 hat es in ganz Mitteleuropa dieses fließende Geld gegeben, das ich propagiere. Die Münzen der damaligen Zeit – sie hießen Brakteaten – waren aus dünnem Blech, dem das Konterfei des jeweiligen Fürsten und die Jahreszahl ihrer Gültigkeit aufgeprägt waren. Am Ende des Jahres mussten sie gegen die im neuen Jahr gültigen Münzen umgetauscht werden. Bei diesem Umtausch behielt der Herrscher zwanzig Prozent ein. Das war die einzige Steuer, mit der er den Staatshaushalt finanzierte, Schlösser baute, Bedienstete bezahlte und das Militär unterhielt.

Die reichen mittelständischen Unternehmer dieser Zeit waren Handwerksmeister, und sie waren wenig geneigt, mit dem „Schlagsatz“ (so hieß das damals, was wir heute Demurrage nennen) das Luxusleben ihres Herrschers zu finanzieren. Und so investierten sie ihr Geld in ihr eigenes Luxusleben: prachtvolle Fachwerkhäuser, die wir heute noch in unseren mittelalterlichen Städten bewundern können.

Nach der Bauzeit für ein solches Haus (ich schätze, es waren um die zehn Jahre) haben sie weiter viel Geld verdient, mit dem sie den Fürsten nicht unterstützen wollten. Was konnten sie damit anfangen? Mietshäuser gab es damals nicht, nur Häuser für den eigenen Bedarf. Und so spendeten sie es der Kirche, in der Erwartung nicht nur hier auf Erden, sondern auch hernach im Himmel alles für die Seligkeit getan zu haben. Die Kirche wurde reich und baute mit diesem Reichtum die eindrucksvollen Dome und Kathedralen, die wir an vielen Orten in Mitteleuropa bestaunen können.

In diesen drei Jahrhunderten sind aus ärmlichen Fischerdörfern rund um die Nord- und Ostsee reiche Hansestädte geworden. Und es waren dreihundert Jahre ohne Krieg. Der Geschichtsunterricht zu meiner Schulzeit hat diese friedlichen Jahrhunderte übersprungen. Da ist nichts passiert und Geschichtsunterricht war Kriegsberichterstattung.

Nun könnten wir meinen, die Menschen müssten sich kaputt gearbeitet haben, um dies alles zu erschaffen. Ja, sie waren fleißig – wir sind es ja heute auch. Aber sie hatten neben dem Sonntag am „blauen Montag“ frei. Darüber hinaus gab es über hundert kirchliche Feiertage. Die Reichtümer dieser Epoche sind mit einer Wochenarbeitszeit von vielleicht dreißig Stunden erschaffen worden.

Der Kulturhistoriker Egon Friedell hat das Leben an den arbeitsfreien Tagen beschrieben: mit Tanz und Gesang, mit Troubadouren und Geschichtenerzählern, mit Fress- und Saufgelagen. Er hat die üppigen Wein-, Met- und Speisekarten ausführlich zitiert, da läuft einem heute noch das Wasser im Munde zusammen.

Die Phase der Hochkultur ging zu Ende, weil die Fürsten gierig geworden waren: Sie haben die Demurrage von zwanzig auf dreißig und mehr Prozent erhöht und die Münzen dann nicht mehr für ein ganzes, sondern nur noch für ein halbes Jahr ausgegeben. Ein solches Geld war nutzlos, die Leute haben es nicht mehr angenommen und sind zum Tauschhandel zurückgekehrt. Das war schwierig und der Handel ist eingebrochen.

Das Volk hat „richtiges Geld“ verlangt – Edelmetall – und es auch bekommen. Der Joachimsthaler (später Thaler) aus den Silberbergwerken im böhmischen Joachimsthal wurde geprägt, dessen Wert seinem Metallwert entsprach. Es gab auch Goldmünzen, bei denen der Prägestempel den Materialwert bestätigte. Dieses Geld behielt jeder gern. Es war werthaltig, brauchte nicht mehr ausgegeben zu werden und wurde gern „auf die hohe Kante“ gelegt – die oberen Balken in den Fachwerkhäusern, ein sicheres Versteck.

So ist die Wirtschaft vollends zusammengebrochen. Die folgenden Hungersnöte haben Kriege ausgelöst, in denen die Herrscher die Ernte der Nachbarn zu erobern versuchten. Es folgte die düstere Phase des Mittelalters, die unser Bild dieser Zeit geprägt hat:

Die rothaarigen Frauen galten als Hexen, die an dem Elend schuld schienen, sie wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Der Ketzer wegen hatte Gott offenbar seinen Schutz aufgekündigt, sie wurden gerädert – in Holzfässer gesteckt, in die von außen lange Nägel getrieben waren und darin den Berg heruntergerollt. Die Pest brach aus, die einen großen Teil der Bevölkerung hinwegraffte und der dreißigjährige Krieg, in dem alles zerstört wurde.


Wir können diese Plagen in dem Krug der Pandora versenken und ein System mit fließendem Gelde auch heute haben. Die Konsequenzen sind:

    1. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich nicht noch weiter, sondern schließt sich sehr langsam wieder. Wir erhalten nach und nach eine ausgewogene Einkommens- und Vermögensverteilung, die die unterschiedliche Leistungsfähigkeit der Menschen spiegelt. Das ist fair.

    2. Spekulation kann sich allenfalls als eine Schaumkrone auf den Wellen des Meeres halten – eines Meeres von real wirtschaftenden Menschen und Unternehmen, die den Reichtum erhalten und vermehren, von dem alle Menschen profitieren wollen. Das ist vernünftiges Haushalten (oikos nomos, was Ökonomie auf Griechisch bedeutet).

    3. Hohe Einkommensunterschiede destabilisieren nicht länger die Nachfrage. Damit gehört das Auf und Ab von Konjunkturschwankungen der Geschichte an. Die Wirtschaft entwickelt sich stetig und gleichmäßig.

    4. Die neue Geld- und Finanzordnung macht plötzlich langfristige Investitionen rentabel. Das hat zur Folge, dass Unternehmen für die Zerstörung der Umwelt von den Finanzmärkten nicht mehr belohnt werden (wie es jetzt noch der Fall ist). Nachhaltiges Wirtschaften lohnt sich und setzt sich deshalb durch.

    5. Kriege zur Erhaltung des „Systems“ sind unnötig und werden deshalb auch weitgehend verschwinden. Wir können einer anhaltenden Friedenphase entgegen sehen, in der es der Menschheit gelingen kann, den wunderschönen Planeten Erde in das zu verwandeln, als das er erschaffen worden ist: Ein Paradies für zehn Milliarden Menschen.

 

 


Griechenland mit fließendem Geld sanieren
und den Euro als fließendes Geld retten
– Fazit: Das Neun-Punkte-Programm zur Rettung Griechenlands und ganz Europas –


Von Wolfgang Berger, www.lust-auf-neues-geld.de , 29.09.2011

 

Die Griechenland von der internationalen „Troika“ aus EU-Kommission, Europäische Zentralbank und Internationalem Währungsfonds aufgezwungenen Sparmaßnahmen werden das bewirken, was der Reichskanzler Brüning mit ähnliche Maßnahmen im Deutschen Reich bewirkt hat: Den totalen Kollaps.


Der Ausschluss Griechenlands aus der Eurozone würde den Euro sprengen, dessen größter Nutznießer Deutschland ist. Weil es unter den großen Währungen keine solide Anlagealternative gibt, wären die Folgen einer derart dramatischen Aufwertung für Deutschland fatal.

Der Internationale Währungsfonds hat Alarm geschlagen: Müssten unsere Banken die Wertverluste von „Euro-Wackelkandidaten“ in ihren Bilanzen berücksichtigen, würde ihre Kapitaldecke um 300 Milliarden Euro schrumpfen, obwohl die Banken mit der „Fair Value Bilanzierung“ bereits die Möglichkeit haben, Anleger und Öffentlichkeit legal zu betrügen.

Im Frühjahr 2010 hat Frau Merkel aus innenpolitischen Gründen (vor den Wahlen in Nordrhein-Westfalen) den fatalen Satz gesagt, dass Griechenland ruhig pleite gehen könne. Seitdem führen „die Märkte“ die Politiker am Nasenring durch die Manege. Rechnen wir doch einmal nüchtern:

Griechenland ist wirtschaftliche so groß wie Sachsen oder Rheinland-Pfalz. Wir hätten es locker und viel kostengünstiger in den innerdeutschen Finanzausgleich integrieren können. Griechenlands Anteil am Bruttoinlandsprodukt der Eurozone ist zweieinhalb Prozent. Eurobonds, die an Stelle von Anleihen einzelner Länder von allen Eurostaaten gemeinsam ausgegeben werden, wären damals eine extrem günstige Alternative gewesen:

Die deutsche Zinsbelastung hätte sich um weniger als drei Prozent erhöht. Bezogen auf die damalige Zinsbelastung von 2,4 Prozent (heute sind es nur noch 1,8 Prozent) wäre die Zinsbelastung dann theoretisch 2,46 Prozent gewesen. Diese Mehrbelastung ist absolut lächerlich gegenüber den gewaltigen und wirkungslosen „Rettungsmaßnahmen“, die jetzt die Eurozone zu sprengen drohen.

Wir sollten auch bedenken, dass Goldman Sachs Griechenland beizeiten als Sprengsatz in die Eurozone hineingeschmuggelt hat: Gegen ein Beratungshonorar von 300.000 Dollar und einen Milliardenkredit haben sie der damaligen griechischen Regierung geholfen, die Statistiken so geschickt zu fälschen, dass die Kriterien für den Eintritt in den Euroclub erfüllt waren. Die Eurokraten in Brüssel haben das perfide Spiel nicht durchschaut.

Jetzt wird Griechenland mit einer öffentlichen Pro-Kopf-Verschuldung weit unter der Pro-Kopf-Verschuldung der Vereinigten Staaten benutzt, um den Euro zu sprengen und damit den Dollar als Weltleitwährung zu erhalten. So können die Finanzzentren in der New Yorker Wall Street und in der City of London weiterhin mit diesem grün bedruckte Papier der Rest der Welt aufzukaufen und den Nutzen dieses Eigentums mit militärischer Allmacht abzusichern.

Von den USA, China und vielleicht Indien abgesehen, müssen sich Einzelstaaten jetzt unterordnen. Das Bankhaus Goldman Sachs, das seinen Mitarbeitern ein durchschnittliches Jahresgehalt von über einer halben Million Dollar zahlt (inklusive Pförtnern, Telefonistinnen und Schreibkräften) beherrscht die Welt und auch die Politik in Europa. Unsere Politiker haben sich zu seinen Dienern degradieren lassen.

Griechenland – ja ganz Europa – wäre jetzt mit fließendem Geld zu retten. Dazu ein Neun-Punkte-Programm:

  • Griechenland wird für drei Jahre EU–Sonderwirtschaftszone.
  • In dieser Zone wird der Hellas-Euro (H€) mit den Merkmalen fließenden Geldes eingeführt: Banknoten sind identisch, haben aber nur griechische Schriftzeichen und sind mit einem Chip versehen.
  • Griechische Guthaben (Bürger und juristische Personen) in der EU und alle Guthaben in Griechenland werden in Hellas-Euro umgeschrieben.
  • Die Europäische Zentralbank belastet Guthaben in Hellas-Euro mit einer monatlichen Demurrage von einem halben Prozent.
  • Die Demurrage wird von den Geschäftsbanken eingezogen und von der Zentralbank an den griechischen Staatshaushalt weitergeleitet.
  • Der Kapitalverkehr in Hellas-Euro wird reguliert, Transfers aus der Eurozone heraus sind für die Dauer von drei Jahren genehmigungspflichtig.
  • Die griechischen Staatsschulden werden für drei Jahre eingefroren und weder verzinst noch getilgt.
  • Das in Griechenland laufende Programm zur Privatisierung öffentlichen Eigentums wird für drei Jahre ausgesetzt.
  • Griechenland verpflichtet sich zu einer tiefgreifenden Reform seiner öffentlichen Verwaltung und unterwirft sich dabei der Federführung durch die EU und die Europäische Zentralbank.


Die Demurrage wird den Geldumlauf verstetigen, den Konsum anregen und die wirtschaftliche Entwicklung in Griechenland fördern. Nach drei Jahren wird sich das Land stabilisiert haben und seine Verpflichtungen erfüllen können.

Vielleicht ist das Programm so erfolgreich, dass es dann auf die gesamte Eurozone übertragen werden kann. Dann könnte der Euro Weltleitwährung werden. Europa könnte sich nach dem Vorbild Islands eine kreative und radikale Verfassung geben, die auch so beginnt, wie der Entwurf für dieses kleine nordatlantische Volk: „Wir, die Völker Europas, wollen eine gerechte Gesellschaft schaffen.“

Das Gewinnstreben kann ich in der Realwirtschaft entfalten – ganz so wie in den 50er und 60er Jahren in Westdeutschland – und die unselige Finanzakrobatik kann schlicht verboten werden.

„Sobald die Minderheit ihr ganzes Gewicht einsetzt, wird sie unwider¬stehlich“, hat Henry David Thoreau geschrieben. Ich lade Sie ein, dabei zu sein.

1 comment

  •   Alex

    Ein guter konstruktiver Ansatz, das uns aufgezwungene Geldsystem zum für den Großteil der Menschen Besseren zu kehren!
    Sicher ließe sich an der technischen Umsetzung eines solchen ultraflexiblen Geldnotensystems, deren Zahlungseinheiten sekündlich ihre Realwertsentsprechenungen einsehbar ändern können, noch zu feilen; Stichwort Sicherheit, Manipulierbarkeit, Hacking etc. - Oder einfach nur die menschliche Psyche, die aus Angst sagt, man müsse alles Geld instantan in Sinnlos-/Hamsterwertanlagen überführen.


    Wäre es nicht jedoch auch möglich, das aktuelle Zinssystem zu unterwandern, indem sich eine (oder mehrere dezentrale) öffentliche NGO/NPO als "Geschäfts"bank versteht und zinsfreie Kredite vergibt und wieder eintreibt?
    Das hieße, dass den normalen Banken die Geschäftsgrundlage unter den Füßen weggezogen würde - und somit eine nachhaltige, fundamentale, unblutige(!!) Geldrevolution von unten, d.h. ohne direkten Einfluss der Kapitalsammelbecken, stattfinden könnte.
    Natürlich ist so eine extreme Uneigennützigkeit im Sinne von 'Keinen Zins aufschlagen' dem jetzigen Kapitalismus absolut fremd. Weiterhin dürfte diese neue Bank natürlich in keiner Weise an Finanzwetten teilnehmen.

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