IWF-Ökonomen diskutieren Fließendes Geld

Post 02. März 2019 By
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Wenn man im Kern das Geldsystem verstehen möchte, kommt man nicht daran vorbei, sich mit dem Thema der sogenannten Geldumlaufsicherung zu beschäftigen. Die Realwirtschaft dient dem Gemeinwohl dann am besten, wenn das Geld im Wirtschaftskreislauf möglichst gleichmäßig zirkuliert. Nur wie wird dies erreicht? ...

Es stellt sich also die Frage: Müssen Marktteilnehmer, die mehr Geld vereinnahmen, als sie aktuell ausgeben wollen, über Mechanismen im Geldsystem motiviert werden, damit sie ihre überschüssigen Mittel freigeben und nicht horten? Hortung führt zu Störung des Wirtschaftskreislaufes.

Im gegenwärtigen System wird diese Motivation normalerweise mit einem Zins deutlich größer null Prozent und Inflation (Inflationsziel der EZB: ca. 2 Prozent) geschaffen. Ergebnis dieser eben genannten destruktiven Geldumlaufsicherungen sind unter anderem zinsbedingte Umverteilung von fast allen zu wenigen, zinsbedingte extreme Kapitalkonzentrationen – Wirkung: Demokratieverlust – und Umweltzerstörung wegen des zinsbedingten Wirtschaftswachstumszwangs. Aus verschiedenen Ursachen, auf die hier heute nicht eingegangen wird, liegt der aktuelle durchschnittliche Marktzins jedoch derart niedrig, so dass er seine geldumlaufsichernde Funktion nicht mehr ausreichend erfüllt. Deshalb sind die Volumina von täglich fälligen Einlagen förmlich explodiert. Dadurch wiederum sind die systemischen Risiken weiter massiv gestiegen.

Eine alternative Geldumlaufsicherung wäre ein Zins deutlich unter null Prozent, also Fließendes Geld. Oft wird in diesem Zusammenhang auch von „Negativzinsen“ gesprochen. Diesen Begriff halte ich allerdings schon wegen seiner negativen Konnotation für völlig ungeeignet. Wer mag schon etwas „Negatives“. Darüber hinaus wird der Begriff oft auch propagandistisch eingesetzt und führt Interessierte regelmäßig auf die falsche Fährte. Viele Geldreformerinnen und Geldreformer sprechen deshalb von einer Umlaufsicherungsgebühr oder einem Umlaufimpuls.

Der Inhalt eines Arbeitspapiers (1) von Ökonomen des IWF aus August 2018 fand in den vergangenen Tagen den Weg in die Medien. In der Arbeit wird genau das diskutiert: Wie könnten Zentralbanken den Leitzins deutlich unter null Prozent festsetzen. Ohne weitere Maßnahmen wäre die Folge eine Flucht ins Bargeld. Insofern liegen die betreffenden IWF-Ökonomen richtig, wenn sie Überlegungen anstellen, wie auch das Bargeld mit Kosten belegt werden kann. Spätestens jetzt sorgt allerdings eine solche Diskussion bei Leserinnen und Leser, die sich mit der Thematik bisher nicht auseinandergesetzt haben, für spürbares Entsetzen.

Am Einfachsten wäre es vermutlich, wenn auf Bargeld als Transaktionsmittel ganz verzichtet wird, denn auf täglich fällige Einlagen lassen sich deutlich leichter Gebühren erheben. Dies lehne ich jedoch kategorisch ab! Auch im IWF-Dokument werden die Vorteile des Bargeldes, wie zum Beispiel das anonyme Bezahlen und damit der Schutz der Privatsphäre und die Unabhängigkeit von Technik herausgestellt.

Alternativ könnte man durchaus Gebühren auch auf Bargeld erheben. Bei einem sehr erfolgreichen Experiment in Wörgl (1932 – 1933) mussten monatlich für die sogenannten Arbeitswertscheine für deren Gültigkeitserhalt Stempelmarken gekauft werden (2). Bei heute bereits eingesetzten regionalen Tauschmitteln, wie dem Chiemgauer (3) müssen Aufwertmarken erworben werden. Weitere technische Lösungen wurden schon vor Jahren unter anderem in einem Heft der Humanen Wirtschaft besprochen (4). Auf dieses Heft beziehen sich auch die IWF-Ökonomen. Interessant, beim IWF liest man die Humane Wirtschaft. Selbst die Arbeiten von Silvio Gesell (5) werden erwähnt.

Im oben genannten Arbeitspapier des IWF wird ein dritter Weg behandelt. Bargeld wird von täglich fälligen Einlagen entkoppelt. Eben zuletzt genannte Aggregate werden von den Autoren des IWF-Dokuments als elektronisches Geld bezeichnet. Das sehe ich bezüglich der Begriffsdefinition kritisch, da streng zwischen Geld (Zentralbankgeld) und täglich fälligen Einlagen (z. B.: Guthaben auf Girokonten) unterschieden werden sollte, um ein besseres Verständnis der Prozesse zu erreichen.

Die Reaktionen von Ökonomen wie auch breiter Bevölkerungsschichten zeigen, wie weit entfernt wir davon sind, dass die Mechanismen im Geldsystem erkannt werden. So sprechen die Ökonomen Matthias Weik und Marc Friedrich in Bezug auf Negativzinsen einerseits vom „EZB-Folterinstrument“ (6). Andererseits erklären sie, dass Systeme, die durch Zinseszins exponentiell wachsen, immer nur zeitlich begrenzt funktionieren können (7). Welche Art der Geldumlaufsicherung empfehlen dann diese beiden Autoren? Oder sind sie der Meinung, dass es in einem Geldsystem keiner Geldumlaufsicherung bedarf? Sie verraten es uns nicht.

Im Focus ist zu lesen, dass der „Vorschlag des IWF verheerend“ sei, da über „Strafzinsen“ eine „Enteignung der Sparer“ erfolgen würde (8). Dabei übersieht der Autor, dass die Kosten ausschließlich auf Bargeld und kurzfristige Einlagen erhoben werden. Nicht betroffen sind demnach mittel- bis langfristige Einlagen, Sparen, beispielsweise für die Altersvorsorge oder größere Anschaffungen in der Zukunft, ist ohne weiteres möglich. Sollte dem Leser oder der Leserin dieser Punkt noch nicht ganz klar sein, empfehle ich, sich mit der Zinsstrukturkurve beider Systeme (Zinsen deutlich größer null Prozent und Zinsen deutlich kleiner null Prozent) auseinanderzusetzen (9).

Auch die Kommentare unter den verschiedenen Veröffentlichungen signalisieren, dass sich viele Menschen durch Gebühren auf Bargeld und kurzfristigen Einlagen regelrecht abgezockt fühlen. Dies wird zum Teil mit entsprechender Emotionalität zum Ausdruck gebracht. Doch die Verfasserinnen und Verfasser liegen damit falsch, auch, wenn ich die Reaktionen nachvollziehen kann, insofern sich Menschen mit der Thematik noch nicht eingehend beschäftigt haben. Zum Glück kann ich meine Aussagen gut belegen, da mathematische Betrachtungen des Geldsystems die Beweise liefern. Ich habe mein Fazit unter anderem im 4. Hauptsatz der alternativen Wirtschaftswissenschaft fixiert:

„Über 8 von 10 Menschen zahlen immer mehr Schuldzinsen (über die betreffenden drei Wege, siehe 3. Hauptsatz), als sie je in der Lage sind, Guthabenszinsen zu vereinnahmen, wenn ein Zins deutlich größer null Prozent als destruktive Geldumlaufsicherung verwendet wird.“ (10)

Das bedeutet: Gebühren auf Bargeld und kurzfristige Einlagen führen dazu, dass der mittelfristige Zins auf null Prozent gebracht wird. Davon profitiert tatsächlich die sehr große Mehrheit der Menschen. Berücksichtigt man zum Beispiel den wegfallenden zinsbedingten Wirtschaftswachstumszwang, gewinnen alle durch den erst dadurch möglichen Umweltschutz in notwendiger Dimension. Interessierte, die sich mit diesen Zahlen detailliert beschäftigen wollen, verweise ich auf den passenden Text, ebenfalls in meinem Buch (11).

Übrigens wurde mein Buch über meine gemeinnützige Gesellschaft Neues Geld herausgegeben, für die ich ehrenamtlich als Geschäftsführer tätig bin. Erlöse kommen demnach vollständig dem gemeinnützigen Zweck zu Gute!

Nun will ich hier bestimmt keine Lanze für den IWF brechen. Es werden von dieser Organisation Nothilfen mit harten Auflagen verbunden, die Ergebnisse sind für die Menschen in den betreffenden Ländern katastrophal (12). Doch bei aller Kritik sollten deshalb Vorschläge aus dieser Quelle nicht mit großem Geschrei emotional abgewatscht werden, anstatt sie wissenschaftlich zu diskutieren. Im IWF-Arbeitspapier steht selbst, dass es sich um Forschungsarbeiten der Autoren handelt, die die Diskussion anregen sollen und nicht unbedingt die Ansichten des IWF wiedergeben. Auch wird mehrfach betont, dass eine klare Kommunikation und eine Verbesserung der Bildung der Bevölkerung in Finanzfragen erfolgen muss. Dem ist zuzustimmen.

Die Defizite des Arbeitspapiers sind aus meiner Sicht an ganz anderer Stelle zu verorten. Es wird nicht ausreichend besprochen, welche Wirkungen ein Zins deutlich unter null Prozent als konstruktive Geldumlaufsicherung auf verschiedene andere Assets ausüben würde. Hat man diese beleuchtet, bleibt nur die Konsequenz, dass hier Regelungen vor dem weiteren Absenken der Leitzinsen unter null Prozent zwingend erforderlich sind. Auch vermittelt das IWF-Dokument, dass das Belegen von Zentralbankgeld und kurzfristigen Einlagen mit Kosten eine krisenbedingte Maßnahme sei. Später, insofern sich die wirtschaftliche Lage wieder verbessert hätte, würde man zum alten System zurückkehren. Damit würde man jedoch die Bedingungen schaffen, die direkt in die nächste Krise führen. Darüber hinaus müsste diskutiert werden, wie die in der Vergangenheit aufgebauten Ungleichgewichte kontrolliert abgetragen werden können. Gelingt das nicht, geschieht das mit zerstörerischen Folgen unkontrolliert.

Das Geldsystem greift in fast alle Bereiche unseres Lebens ein. Änderungen bei der Art der Geldumlaufsicherung, begleitet von weiteren Maßnahmen, sind zwingend notwendig, wenn wir die Aufgaben der Zukunft im Sinne des Gemeinwohls lösen wollen. Deshalb bleibt zu hoffen, dass sich die Zusammenhänge beim Geld in der Bevölkerung noch wirksamer herumsprechen. Dies ist eine elementare Voraussetzung, damit die Zustimmung der Bevölkerung für wertvolle neue Wege beim Geld als Basis für viele weitere notwendige Veränderungen gegeben ist.

Steffen Henke

(1) WP/18/191: „Monetary Policy with Negative Interest Rates: Decoupling Cash from Electronic Money“, Katrin Assenmacher und Signe Krogstrup, 08-18
(2) vgl. INWO Deutschland e. V.:, „Das Wunder von Wörgl“, Werner Onken, https://www.inwo.de/das-wunder-von-woergl (abgerufen am 25.02.19)
(3) vgl. Chiemgauer e. V.: „Die neuen Scheine sind da“, E. Boehringer, https://www.chiemgauer.info/aktuell (abgerufen am 25.02.19)
(4) Humane Wirtschaft: „Umlaufsicherung von Banknoten“, Thomas Seltmann, 02-10, S. 10 – 16
(5) Gesell, Silvio: „Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“, Selbstverlag, Les Hauts Geneveys 1916, 9. Auflage, herausgegeben von Karl Walker: Rudolf Zitzmann Verlag, Lauf 1949
(6) Weik, Matthias und Friedrich Marc: „Steuern auf Bargeld“, 13.02.19, https://www.mmnews.de/wirtschaft/114843-steuern-auf-bargeld (abgerufen am 25.02.19)
(7) Weik Matthias und Friedrich Marc: Der Crash ist die Lösung. Warum der finale Kollaps kommt und wie Sie Ihr Vermögen retten“, Bastei Lübbe Taschenbuch, Band 60858, vollständige Taschenbuchausgabe der beim Eichborn Verlag erschienen Hardcoverausgabe, 2015, S. 94 ff.
(8) Focus Online: „Vorschlag des IWF. Steuern auf Bargeld soll Wirtschaft im nächsten Abschwung retten“, Egmond Haidt, 12.02.19, abgerufen am 25.02.19
(9) vgl. Henke, Steffen: „Fließendes Geld für eine gerechtere Welt. Warum wir ein alternatives Geldsystem brauchen, wie es funktioniert und welche Auswirkungen es hat“, Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden, 2017, Kapital III.6: „Die Zinsstrukturkurve“, S. 200 ff.
(10) ebd. S. 435
(11) ebd., Kapital IV.3: „Eine einfache Rechnung“, S. 346 ff.
(12) vgl. Setton, Daniela u.a.: „WTO – IWF – Weltbank. Die ‚Unheilige Dreifaltigkeit‘ in der Krise“, AttacBasisTexte 25, VSA-Verlag, 2008, S. 15

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